Im Jazz werden traditionelle  und neue Elemente, Versatzstücke und Fragmente verändert, neu kombiniert, recycelt. Neben der Improvisation entstehen auf dieser Art aus vorhandenen Werken völlig neue Kompositionen, deren Ursprünge im respektvollen Nebeneinander nicht verschwiegen, sondern hervorgehoben werden. Ein Jazzer ist stolz, Pattern und Stile von favorisierten Vorbildern und Idolen zu verwenden und somit bewusst in die eigene Kunst einfließen zu lasse. Walter Kempowski war ein „Jazzer“ der Literatur. Nicht der einzige, aber der wichtigste Jazz-Literat in Deutschland und einer der größten weltweit.

Als ich das erste Mal mit Walter Kempowski in Berührung kam, wusste ich nichts vom Jazz. Ich war etwa neun Jahre alt, es war Januar 1980 und gerade lief im ZDF der dritte Teil von Eberhardt Fechners Verfilmung „Ein Kapitel für sich“. Ich erinnere mich nur sehr vage an diese Ausstrahlung, an die beiden kahlköpfigen Brüder und diese raue, wenn auch irgendwie amüsante Atmosphäre ihrer Gefangenschaft. Doch blieben da die „Schnacks“, die vor allem von meinem Vater geschätzt und zitiert wurden, der natürlich wusste, wer Kempowski war.
Einige Jahre später erinnerte ich mich an die vermittelte Atmosphäre und auch einige Sprüche waren noch hängengeblieben, „das tangiert mich äußerst peripher“, am nachhaltigsten blieb die Rolle des Robert Kempowski im Kopf, der eindrucksvoll von Jens Weißer verkörpert wurde.
Ich suchte in der Stadtbibliothek etwas von Kempowski, geriet an „Tadelösser und Wolff“. Ich war gefesselt von dieser Welt zwischen heimlicher Jazz-Musik und Hitlerjugend und kam Hintergründen und Umständen auf die Spur, die durch den schulischen Geschichtsunterricht höchstens angekratzt wurden. Überhaupt komisch, daß man in der Schule nie etwas von Kempowski gehört hatte.
In einer persönlichen Zeit der Suche, in der jugendkulturelle Identität eher in der Zugehörigkeit einer Subkultur wie den Punks, Poppern, Mods oder sonstigen zu finden ist, bot Kempowski eine denkbar exklusive Alternative; von nun an wollte ich mich mit nur noch mit der Kultur der Swing-Jugend der Dreissiger/ Vierziger Jahre beschäftigen, echte, wenn möglich zeitgenössische, Jazzaufnahmen sammeln und mich für die Mäntel meines Opas zu interessieren. Ernsthaft gelang dies natürlich nicht ansatzweise; die Plattensammlung beschränkte sich auf billige Sampler einschlägiger Buchclubs („Aus Opas Plattenkiste“), über die Swing-Jugend war, soweit diese nicht wenigstens im Widerstand eine Rolle spielten, zu gut wie nichts zu erfahren und in Fragen der Retromode gab es damals, Ende der Achtziger Jahre, schon frisurtechnisch enge Grenzen – schliesslich sollte und wollte ich nicht mit einem Jungfunktionär der NPD verwechselt werden.

Ich war damals jedenfalls so konsequent, im Telefonbuch die Nummer und Adresse von Robert Kempowski heraus zu suchen. Irgendwo hatte ich aufgeschnappt, dass der Bruder von Walter Kempowski in Hamburg-Niendorf wohnen sollte.
Und tatsächlich: Nachdem ich mich telefonisch vorstellte und erklärte, eine journalistische Abhandlung über den Bruder von Peterpump erarbeiten zu wollen und außerdem brennend an der Subkultur der Swing-Jugend interessiert zu sein, empfing mich Roberding in seinem Reihenhaus in Niendorf. Robert fand es interessant, dass ich gerade ein Schulpraktikum beim Hamburger Lokalsender „Radio107“ absolviert hatte und stellte mir seine Ambitionen in dieser Richtung vor. Er erzählte über seine Jazz-Radiosendungen, gewürzt durch eigene und fremde Prosa sowie kurzweiligen Schnacks.
So sassen wir da, in seinem kleinen Zimmer, direkt vor der Terrassentür zum Garten und ich weiß heute überhaupt nicht mehr, ob Kaffee oder Tee serviert wurde. Robert erzählte bereitwillig über die Zeit damals, mit seinem Bruder in Rostock, bestätigte die Sprüche dieser Zeit, betonte aber auch nachdrücklich, die Zeit damals nicht ausschliesslich mit der Sprücheklopferei ausgefüllt zu haben – auch, wenn diesen Eindruck die Fechner-Verfilmung vielleicht sugerieren mag.

Walter Kempowski wuchs mit dem Jazz seines Bruders auf und so wundert es nicht, dass auch seine Kunst sich um Collagentechniken drehte. Insbesondere Kempowskis gigantischen Werk „Echolot“ besteht aus Tagebuch- und Berichtfragmenten verschiedenster Zeitzeugen; gerade diese Tatsache macht das „Echolot“ so einzigartig interessant. Doch auch die „Deutsche Chronik“ wäre in der vorliegenden Form kaum denkbar gewesen, wenn sich Walter Kempowski nicht um Familienberichte gekümmert hätte, die er – authentisch und fiktiv – in diese Romanwerke eingearbeitet hätte. Und zuletzt sollte ebenfalls nicht verschwiegen werden, dass Kempowski diese Tatsachen nie verschwiegen hat, sondern vielmehr bereitwillig über seine Arbeitstechniken Auskunft gegeben und dazu aufgerufen hat, ihm weitere Tagebücher, Briefe und Zeitzeugenberichte zukommen zu lassen.
Ungeachtete dessen wurde Anfang 1990 Kempowski vom stern-Autoren Harald Wieser offen des Plagiates bezichtigt. Es ging dabei um den Roman „Aus grosser Zeit“, der ganze Passagen des Autoren Werner Tschirch aus dessen Werk „Rostocker Leben – im Rückblick auf 1900“ übernommen haben soll. Doch rückblickend wurde diese Behauptung für Wieser zu einem Eigentor, denn zahlreiche Autoren, nicht zuletzt Hellmuth Karasek, machten in folgenden Veröffentlichungen auf die Tatsachen und Hintergründe aufmerksam.
Dennoch damals ein schwerer Schlag für Walter Kempowski, der seinen Höhepunkt in einem Zusammenbruch fand. Und es ist sicherlich auch nicht übertrieben anzunehmen, dass Geschichten wie diese massgeblich mit der schweren Krebserkrankung Kempowskis in Zusammenhang stehen, an die der Schriftsteller schliesslich 2007 erlag.

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